Texte

Heiko Postma

Text 2 >>  |  Text 3 >>

ANNE KOLVENBACH
Malerin

Zur Eröffnung der Ausstellung in der GALERIE FALKENBERG Hannover
am 3. Oktober 2003


Im Magazin der "Süddeutschen Zeitung", meine Damen und Herren, gab es vor einiger Zeit eine Reportage, in der Ausländer aus unterschiedlichsten Regionen zu ihren Ansichten über Deutschland und die Deutschen befragt wurden.
Die Antworten waren unbedingt aufschlußreich. Ein junger Italiener, beispielsweise, bemerkte, es sei der auffallendste - und zugleich rätselhafteste - Charakterzug der deutschen Italien-Reisenden, daß sie zwar einerseits in Scharen das Land besuchen, doch andererseits nichts mehr hassen, als auf andere deutsche Touristen zu stoßen oder gar mit denen verwechselt zu werden. (Womit der junge Mann ganz offenbar auf eine tiefsitzende Traditions-Ader gestoßen ist: "Verwechselt mich nur nicht!" hieß der Leitsatz des deutschen Groß-Philosophen Friedrich Nietzsche; und wo hat Nietzsche seinen letzten lichten Moment vor dem Zusammenbruch erlebt? In Italien).

Merkwürdig aber nun, daß mir sofort diese Beobachtung über die Reise-Deutschen einfiel, als ich jenes großformatige Reise-Bild Anne Kolvenbachs ansah, das wir alle, ins Kleinformatige übertragen, auf den Einladungskarten für diese Ausstellung erhalten haben - wenn auch seiner strikten Symmetrie beraubt und in der Farbtönung dunkler, somit etwas beruhigender, als im Original.
(Mit dem "Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit" von Kunstwerken, das Walter Benjamin schon Ende der 20er-Jahre ausgerufen hatte, scheint es wohl doch noch nicht soweit her zu sein, was aber, auf der anderen Seite, die Notwendigkeit von Galerien wie dieser und von Ausstellungen wie der heute eröffneten unterstreicht).

Zum Bild.
Gewiß, auf Anne Kolvenbachs leuchtend kontrastivem, in mediterranem Kolorit gehaltenen Stilleben sind überhaupt keine Menschen zu sehen, weder Deutsche, noch Touristen. Womöglich sind sie gerade, zwecks Besichtigung, in den stilisierten, stufenartig aufsteigenden Bauwerken links und rechts der Mittelachse verschwunden; aalen sich am Strand; sind vom hölzernen Steg aus zur -schemenhaft hintergründigen - Felseninsel im Meer übergesetzt; oder mit ihren PKWs unterwegs zur Sightseeing-Tour ins Landesinnere.
Sehr wohl vorhanden, wie der Betrachter aus seiner erhöht liegenden Perspektive gut ausmachen kann, sind dagegen die Zeugnisse ihrer prinzipiellen Präsenz im Lande, die Instrumente ihrer touristischen Besitzergreifung - ihre Wohnwagen-Anhänger, die einzigen andeutungsweise realistisch gestalteten Objekte in dieser Szenerie: Gedrungene Einachser, stromlinienförmig, fast wie Panzerfahrzeuge wirkend (my mobile home is my castle), alle zum Verwechseln einheitlich gestylt.
Aber: in zwei Gruppen frontal einander gegenüberstehend, als wollten sie aus ihrer geduckten Warteposition heraus gleich aufeinander losrollen: die einen, die zur Linken im glosenden Sonnenlicht violette Schatten werfen und auf dem Parkplatz ihre aggressiven Rangier-Spuren hinterlassen haben; und die anderen, zur Rechten, die im bräunlichen Halbschatten beim Zypressenhain am Ufer kauern.
Ein bedrohliches Kontrast-Bild. Erst später las ich dann, im Kleingedruckten am äußersten Rand der Karte, daß Anne Kolvenbach ihm auch einen Namen gegeben hat: "zusammen getrennt". Ja, das war es.

Titel 'zusammen getrennt'

Serie "Nomaden" | Titel "zusammen getrennt"
2003 | Acryl auf Leinwand

Daß ich als Ort dieser touristischen Invasoren-Konfrontation sogleich Italien assoziierte, mag allerdings subjektiv besingt sein.
Denn landschaftliche Abbildungs-Konformitäten oder Wieder-Erkennungs-Realismen überläßt die Malerin ganz offenbar denen, die dafür zuständig sind, den Fotografen: Bei ihr ist die Szenerie geradezu geometrisch entworfen - mit rechten, spitzen und stumpfen Winkeln, Parallelen, Rechtecken und Trapezen; Licht und Schatten herrschen und dies keineswegs nur auf diesem Gemälde - in balkenförmigen Horizontaloder Diagonal-Konstruktionen. ("Orte der Geometrie" hieß einmal ein Gedicht von Karl Krolow). Doch was den Eindruck "Italien" evoziert - das sind die Farben: dieses Gelb, Rot und Orange, dieses abgeschattete Umbra und Violett.

Wie gesagt: Es ist mein subjektives Empfinden; aber da ich mit Anne Kolvenbach nicht nur den Geburtsjahrgang 1946 teile, sondern auch die präzis gleiche Studienzeit von 1967 bis 1972, gibt es vielleicht doch so etwas wie übergreifende Generations-Erlebnisse.
Wer seine Kindheit und Jugend im Deutschland der 50er und frühen 60er-Jahre verbrachte, hat einfach dieses Italien-Traum-Bild, auch wenn das nur im benachbarten Eiscafe "Rialto" gespeist wurde, das sich von entsprechenden deutschen Lokalitäten, von Gelati und Cassata abgesehen, vorzugsweise durch die geometrische Strenge und verchromte Schlichtheit des Gestühls auszeichnete und - durch die Wandgemälde mit ihrer unvergeßlich drallen Farbkomposition.
Dieses Rot, dieses Gelb, dieses Blau: Das war Italia. Und da mußte man hin - zur Not im Zelt, doch bald auch mit dem Wohnwagenanhänger. Die Farbe Blau fehlt zwar in diesem speziellen Bild Anne Kolvenbachs. Aber, wie jeder ringsum sehen kann: nur in diesem. Doch generell sind als Reminiszenz ans bezwingend neo-naive Eisdielen-Italien allein die Farben geblieben. Und in deren Gestaltung und Anordnung herrscht die Malerin so autonom, wie sie es auch bei der Formgebung tut: Impression, Abstraktion, Stilisierung, Karikatur, manchmal alles zusammen auf einem einzigen Bild, das macht das unbedingt Artifizielle ihrer Gemälde aus. Etwa bei der großen Floßlandschaft, wo ein paar umrißhaft skizzierte Boote auf bräunlich-rötlich trübem Wasserlauf einem See entgegendriften, vorbei an geisterhaft zersiedelten Stadt-Bezirken: Nah am Floß die schematisch flachdachigen Beton-Silos der City, im vornehmen Abstand dazu, dem Betrachter aber vordergründig näher, absonderlich verrenkte Luxus-Bauten im parkartig Grünen, bizarre Architektur mit dunklen Fensterhöhlen, menschenleer. Und am Ziel der Boots-Passage wartet dann, mitten im See und fast soghaft, eine Art Sydney-Opernhaus, eine überdimensionale Konzert-Muschel.
Eine Reise durch "künstliche Paradiese" mithin, um eine Wortschöpfung des französischen Lyrikers Charles Baudelaire zu gebrauchen, dessen (Euvre Anne Kolvenbach ja wohlvertraut ist, wie ihr trauerndes Stilleben "Die Blumen des Bösen" ausweist: So nämlich, "Les Fleurs du Mal", nannte Baudelaire den einzigen Lyrik-Band, den er zu Lebzeiten jemals veröffentlichte.

Die Blumen des Bösen: Die abgründige Natur des Schönen. Bei Anne Kolvenbach sind diese Blumen schwarz.
Auf einer anderen ihrer Bilder-Serien, die hier und heute leider nicht ausgestellt ist, schießen, vor heiter hellen Hintergründen, weiß-rosa gestreiften Markisen oder italienblauen Draperien, plötzlich blumenartige, aber farblose Pflanzen in den Vordergrund - iritierend, bildbeherrschend, bedrohlich präsent. Wozu dann paßt, daß auf den Bildern Anne Kolvenbachs kaum einmal Menschen zu sehen sind.
Zumindest keine behausten: Wenn, dann sind es Nomaden - wie jene Gruppe schwarzbekutteter Kapuzen-Wesen, die da, nahezu gesichtslos, vor ihren Jurten hocken. Fremde: unterwegs, im Zelt. (Zelte, die Sinnbilder des Provisorischen, gibt es auf den Bildern dieser Ausstellung immer wieder). Andere Nomaden nehmen, "zusammen getrennt", den Wohnwagen, und der von Reifenspuren übersäte Parkplatz belegt deren Unstete. Nein, eine Idyllikerin ist Anne Kolvenbach ganz gewiß nicht.

Text 2 >>  |  Text 3 >>